Koloniezahl im Trinkwasser: Was Keime wirklich über Wasserhygiene verraten
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Wenn von der „Gesamtkeimzahl“ im Trinkwasser gesprochen wird, ist in der Wasseranalytik meist die Koloniezahl bei 22 °C gemeint. Sie gibt an, wie viele kultivierbare Mikroorganismen sich aus einer Wasserprobe unter definierten Laborbedingungen auf einem Nährmedium vermehren können.
Das Ergebnis wird als KBE pro Milliliter angegeben. KBE steht für koloniebildende Einheiten. Eine sichtbare Kolonie kann dabei aus einer einzelnen Zelle oder aus einem kleinen Zellverband entstehen. Die Koloniezahl zeigt also nicht die exakte Anzahl aller Mikroorganismen im Wasser, sondern die Anzahl derjenigen Mikroorganismen, die unter den gewählten Laborbedingungen wachsen können.
Wichtig ist: Die Koloniezahl identifiziert keine einzelnen Bakterienarten. Sie ist ein Hygieneindikator. Ein erhöhter Wert zeigt, dass sich Mikroorganismen im Wassersystem vermehren konnten oder dass sich die mikrobiologische Situation verändert hat.
Nach der Trinkwasserverordnung gilt für die Koloniezahl bei 22 °C grundsätzlich die Anforderung „ohne anormale Veränderung“. Für bestimmte Bewertungen werden zusätzlich Werte wie 100 KBE/mL am Zapfhahn herangezogen; nach Abschluss der Aufbereitung von desinfiziertem Wasser gilt ein niedrigerer Wert von 20 KBE/mL.
Was sagt die Koloniezahl bei 22 °C aus?
Die Koloniezahl bei 22 °C erfasst vor allem Mikroorganismen, die bei eher kühlen Umgebungstemperaturen wachsen können. Dazu gehören viele natürlich vorkommende Umweltbakterien aus Wasser, Boden und Biofilmen.
Ein einzelner erhöhter Wert bedeutet nicht automatisch, dass das Wasser gesundheitsschädlich ist. Er ist aber ein Hinweis darauf, dass sich die mikrobiologischen Bedingungen verändert haben. Das Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt beschreibt die Koloniezahl bei 22 °C ausdrücklich als Indikator für mögliche mikrobielle Kontaminationen nach der Aufbereitung bis in die Trinkwasserinstallation; sie gibt keinen direkten Aufschluss über bestimmte Krankheitserreger.
Kurz gesagt: Die Koloniezahl sagt nicht: „Dieses Wasser macht krank.“
Sie sagt eher: „In diesem Wassersystem stimmt hygienisch möglicherweise etwas nicht.“
Gesundheitliche Bedeutung
Die bei 22 °C erfassten Mikroorganismen sind meist Umweltkeime. Für gesunde Menschen sind sie in üblichen Konzentrationen in der Regel nicht direkt gefährlich.
Trotzdem sollte ein erhöhter Wert nicht ignoriert werden. Denn die Ursache kann auf Bedingungen hinweisen, die auch für andere Mikroorganismen günstig sind. Dazu gehören Stagnation, Biofilme, ungünstige Temperaturen, schlecht gewartete Filter oder selten genutzte Leitungsabschnitte.
Besonders sensibel sind Haushalte oder Einrichtungen mit immungeschwächten Personen, Säuglingen, älteren Menschen oder medizinischen Anwendungen. Dort sollte eine auffällige Koloniezahl konsequenter abgeklärt werden.
Wichtig ist auch die Abgrenzung: Die Koloniezahl bei 22 °C ist nicht dasselbe wie der Nachweis von E. Coli, Enterokokken, Pseudomonas aeruginosa oder Legionellen. Diese Parameter haben eine andere hygienische Aussagekraft und werden separat untersucht.
Technische und hygienische Auswirkungen
Eine erhöhte Koloniezahl entsteht häufig nicht durch das öffentliche Versorgungsnetz, sondern durch lokale Bedingungen in der Hausinstallation. Typische Ursachen sind:
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Stagnation in selten genutzten Leitungen
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Biofilme in Leitungen, Armaturen oder Schläuchen
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verschmutzte Perlatoren
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schlecht gewartete Wasserfilter
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Wasserspender, Wassersprudler oder Kaffeemaschinen
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ungünstige Temperaturen im Kalt- oder Warmwassersystem
Biofilme sind dünne Schichten aus Mikroorganismen und ihren Stoffwechselprodukten, die sich auf wasserberührten Oberflächen bilden können. Nicht jeder Biofilm ist automatisch gefährlich. Problematisch wird es, wenn er stark wächst, sich ablöst oder als Lebensraum für hygienisch relevante Mikroorganismen dient.
Das Umweltbundesamt empfiehlt, lange Verweilzeiten in der Trinkwasserinstallation zu vermeiden und Stagnationswasser, das länger als vier Stunden in der Leitung stand, nicht direkt zum Trinken oder zur Speisenzubereitung zu verwenden. Frisches Wasser erkennt man meist daran, dass es deutlich kühler aus dem Hahn kommt.
Wie entstehen erhöhte Koloniezahlen im Trinkwasser?
Mikroorganismen sind in natürlichem Wasser immer vorhanden. Schon Rohwasser aus Grundwasser, Quellen oder Oberflächenwasser enthält Umweltkeime. Viele davon werden durch natürliche Bodenpassagen, Filtration und Aufbereitung reduziert.
Nach der Aufbereitung kann Trinkwasser mikrobiologisch sehr stabil sein. Trotzdem bleibt es kein steriles Produkt. Sobald Wasser durch Speicher, Leitungen, Armaturen oder angeschlossene Geräte fließt, kann es wieder mit Mikroorganismen in Kontakt kommen.
Erhöhte Koloniezahlen entstehen vor allem dann, wenn Mikroorganismen gute Wachstumsbedingungen finden. Dazu gehören Nährstoffe, warme Temperaturen, lange Standzeiten und Oberflächen, auf denen sich Biofilme bilden können.
In der Praxis liegen die Ursachen bei auffälligen Proben am Wasserhahn häufig in der Hausinstallation. Dazu zählen Perlatoren, Duschschläuche, Filterkartuschen, selten genutzte Leitungen, Wasserspender oder Geräte mit stehendem Wasser.
Was tun bei erhöhter Koloniezahl?
Ein auffälliger Wert sollte zunächst richtig eingeordnet werden. Entscheidend sind nicht nur die Zahl selbst, sondern auch Probenahmestelle, Probenahmeart, Temperatur, Nutzungssituation und Begleitparameter.
Sinnvolle erste Schritte sind:
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Probe bewerten: Wurde am richtigen Punkt und hygienisch korrekt beprobt?
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Stagnation prüfen: Wurde der Hahn länger nicht genutzt?
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Armatur kontrollieren: Perlatoren, Schläuche und Filter können lokale Keimquellen sein.
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Nachprobe durchführen: Bestätigt sich der Wert oder war es ein Einzelbefund?
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Ursache beheben: Je nach Befund können Spülen, Reinigen, Filterwechsel oder technische Sanierung nötig sein.
Das Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt weist darauf hin, dass eine Überschreitung keine direkte gesundheitliche Bedeutung haben muss, aber nicht dauerhaft toleriert werden sollte; erforderlich ist eine Ursachenklärung.
Fazit
Die Koloniezahl bei 22 °C ist kein klassischer Schadstoffwert, sondern ein wichtiger Hygieneindikator. Sie zeigt, ob sich Mikroorganismen im Wassersystem vermehren konnten oder ob sich die mikrobiologische Situation verändert hat.
Ein erhöhter Wert bedeutet nicht automatisch eine akute Gesundheitsgefahr. Er ist aber ein klares Signal, genauer hinzuschauen. Häufige Ursachen sind Biofilme, Stagnation, ungünstige Temperaturen oder schlecht gewartete Filter und Armaturen.
Für Privatpersonen bedeutet das: Wasser regelmäßig nutzen, Stagnationswasser ablaufen lassen, Perlatoren reinigen und Filter nur nach Herstellerangaben betreiben. Wer eine erhöhte Koloniezahl im Trinkwasser feststellt, sollte die Ursache technisch prüfen lassen, statt nur den Messwert isoliert zu betrachten.